Es ist natürlich generell eine Belastung an einer schweren Krankheit zu leiden. Leider sind gerade psychische Erkrankungen immer noch viel zu oft “stigmatisiert”, weshalb das Leid der Betroffenen, Verwandten und Freunde hier in spezieller Weise verstärkt wird.

Wenn du zu diesen betroffenen Gruppen gehörst ist für dich Verständnis - oder einfühlsame Wort zu hören bestimmt etwas sehr Wichtiges. Oder du suchst nach Rat, wie mit der Krankheit umzugehen ist bzw. wie Folgen gemeistert werden können.

Bei diesem Beitrag hier möchte ich darauf hinweisen, dass es erst einmal um einige Erklärungen und Definitionen - also eher technische Dinge geht. Wenn Einiges also sehr trocken formuliert ist, soll das jedoch in keinem Fall über die Schwere der Erkrankung hinwegtäuschen! Anschließend werden wir uns die häufigsten Vorurteile ansehen und richtigstellen.

In anderen Beiträgen geht es dann eher um die Gefühle, die Praxis, Sorgen, Nöte und Ängste mit denen man fertig werden muss - aber wie gesagt, dazu später mehr ...

1. Schizophrenie: Vorurteile & Tatsachen

1.1. Besitzen Schizophrene mehrere Persönlichkeiten?

Vorurteil: Die meisten denken JA.

Tatsache: Die richtige Antwort ist NEIN

Leider tragen Hollywood & Co. zu etlichen Vorurteilen bei - auch zur der falschen Annahme, dass an Schizophrenie erkrankte Personen eine aufgespaltene Persönlichkeit - also zwei oder mehr unterschiedliche Persönlichkeiten besitzen.

Tatsächlich gibt es dieses Krankheitsbild - jedoch unter dem Begriff “Dissoziativen Identitätsstörung”, aber dieses hat nichts mit Schizophrenie zu tun!

Das also ein leider weit verbreiteter Irrtum und hat nicht mit der Diagnose “Schizophrenie” zu tun.

1.2. Wie häufig ist Schizophrenie?

Vorurteil: Die meisten denken sehr selten.

Tatsache: Die richtige Antwort ist “ziemlich häufig” - genauso oft wie Diabetis!

Kennst du jemanden der an Diabetes leidet? Wahrscheinlich haben die meisten von uns jemanden im Bekannten- oder Freundeskreis, der an der Zuckerkrankheit leidet. Ungefähr jeder hundertste erkrankt daran.

Tatsächlich ist Schizophrenie genauso häufig!

1.3. Das kann doch nicht passen - ich kenne niemanden!

Wenn es dir so geht, ist das wahrscheinlich eine Bestätigung dafür, dass mit der Erkrankung Schizophrenie immer noch falsch umgegangen wird.  Kaum ein Diabetiker würde sich dafür schämen seine Krankheit zuzugeben. Bei psychischen Leiden sieht dies anders auch. Viele versuchen Depressionen, Angstzustände oder Schizophrenie  zu verheimlichen aus Angst wie andere darüber denken. Die Vorurteile haben zwar in den letzten Jahrzehnten speziell bei der Depression, Panikattacken und z.B. Burnout nachgelassen - oder sind sogar weitesgehend akzeptiert.

Die Schizophrenie gehört aber leider noch zu oft zu den Krankheiten über die Betroffene und Angehörige lieber schweigen. Dies geschieht aus Angst als “Irre” oder “gefährlich” abgestempelt zu werden. Viele wissen mit dem Krankheitsbild nicht umzugehen und es kommt z.B unberechtigten Schuldzuweisungen an die Eltern.

Dies und mehr führt dazu, dass über die Krankheit geschwiegen wird - so entsteht der Eindruck, dass es Schizophrenie viel seltener gibt, als dies im medizinischen Alltag belegt ist!

1.4. Sind Schizophrene gewalttätig?

Vorurteil: Die meisten denken JA.

Tatsache: Die richtige Antwort ist NEIN

Allenfalls in Ausnahmefällen können die Wahnideen der Psychose dazu führen, dass sich ein Erkrankter vor einer eingebildeten Bedrohung schützen möchte. Die verzweifelte Gegenwehr aus vermeintlichem Selbstschutz kann dann also innerhalb dieser Phase das Risiko zur Gewaltbereitschaft erhöhen. Daher auch die in diesem Fall notwendige Betreuung durch Fachkräfte.

Tatsache ist aber, dass die allermeisten Patienten keinesfalls gewalttätiger einzustufen sind.

Als mögliche Ursache der Schizophrenie wird in der Forschung oft eine erhöhte Verletzlichkeit der Betroffenen als Einfluss auf die Entstehung diskutiert - positiv ausgedrückt eine erhöhte Empfindsamkeit für die Innen- und Außenwelt. Aus der Gruppe dieser einfühlsamen Menschen sind in viele Künstler, Schriftsteller, Wissenschaftler und markante Persönlichkeiten hervorgetreten! Diese erhöhte Vulnerabilität bzw. Empfindsamkeit spricht ebenfalls gegen eine von vielen vermutete erhöhte Gewaltbereitschaft. Also noch ein Vorurteil, das man streichen muss!

1.5. Kommt Schizophrenie von einem Vitaminmangel?

Vorurteil: Manch einer denkt Mangel an Vitamin B wäre schuld.

Tatsache: Vitamin-B-Mangel kann zwar zu Psychosen führen, hat aber nichts mit Schizophrenie zu tun.

Tatsächlich ist der Vitaminmangel nicht die Ursache der Psychosen aus dem schizophrenen Formenkreis. Das merkt man daran, das Bluttests bei den Erkranken in der Regel ganz normale Werte aufweisen. Auch eine Therapie mit hochdosiertem Vitamin B zeigt keine nennenswerten Erfolge.

Wahrscheinlich kommt diesen Vorurteil daher, dass einige Erkrankte bei denen sich Wahnideen zu entwickeln beginnen Ihre Essgewohnheiten ändern. Zum Beispiel aus Angst vergiftet zu werden. Sie essen weniger oder gar nichts mehr - und als Folge vermutet manch einer die Psychose entstamme also einer Fehl- oder Mangelernährung.

Tatsache ist aber, dass hier Ursache und Wirkung vertauscht werden.

Die Fehlernährung ist schon ein Symptom der Erkrankung und nicht die Ursache!

So weit erst einmal zu den häufigsten Vorurteilen. In unseren anderen Artikel werden wir das eine oder andere nochmal aufgreifen.

Jetzt noch zu den häufigsten Fragen zum Thema "Psychose":

2. Was ist eigentlich eine Psychose?

Mit einer Psychose ist eine schwere psychische also seelische Erkrankung gemeint, die aus eigener Kraft nicht bewältigt werden kann.

Merkmale der Psychose sind:

  • Eine gestörte Wahrnehmung der Wirklichkeit
  • Eine Störung davon, bestimmte Tatsachen einsehen zu können
  • Mangelnde Fähigkeit mit den normalen Lebensanforderungen klarzukommen
  • Stark verändertes Denken, Wollen, Fühlen und Handeln

Der Begriff Psychose ist also eher als “Oberbegriff” zu verstehen. Eine Psychose kann nämlich durch vielfältige Dinge verursacht werden. Man unterteilt in primäre und sekundäre Psychosen.

2.1. Primären Psychosen

Von primären Psychosen spricht man, wenn keine Ursache feststellbar ist. Die häufigste Form der primären Psychosen ist die Schizophrenie. Dazu gleich mehr ...

2.2. Sekundäre Psychosen

Hier liegt die Ursache darin, dass das Gehirn direkt oder indirekt beeinträchtigt wird. Durch z.B.

  • Gehirntumore
  • Durchblutungsstörungen des Gehirns
  • Hirnverletzungen & Entzündungen
  • Schwere Elipelspie
  • Hormonelle Störungen, Mangel bestimmter Nährstoffe
  • Drogen, Nebenwirkungen von bestimmten Medikamenten

Wir möchten jetzt aber genauer auf die die Psychosen aus dem sogenannten "schizophrenen Formenkreis" eingehen.

3. Was genau sind Schizophrenie bzw. schizophrene Psychosen?

Erst einmal ist es sinnvoll, die Bedeutung des Wortes “schizophren” zu verstehen.

Der Begriff Schizophrenie kommt aus dem Altgriechischen und setzt sich zusammen aus:

  1. σχίζειν s’chizein = „spalten, zerspalten, zersplittern“
  2. und φρήν phrēn = „Geist, Seele, Gemüt, Zwerchfell“
    (Im antiken Griechenland dachte man, das Zwerchfell wäre der Sitz der Seele, daher diese vermischte Bedeutung von wegen Seele & Zwerchfell)

Eine “Gespaltene Seele” ist bei der Schizophrenie so zu verstehen, dass der Erkrankte zwei Wirklichkeiten besitzt.

  • Zum einen ist das die Wirklichkeit die wir alle erleben - also die eigentliche Realität.
  • Zum anderen ist das eine eigene private Wirklichkeit die nur der Erkrankte wahrnimmt.In dieser Wirklichkeit sieht, hört, fühlt oder denkt der Erkrankte Dinge, die andere nicht wahrnehmen. Diese zweite Wirklichkeit wird in einem kreativen aber leider krankhaften Prozess vom eigenen Gehirn konstruiert.

Wer dies genauer verstehen möchte, kann sich dazu einmal das folgende Video ansehen. In dem Video wird darauf eingegangen, dass eigentlich jeder, auch Gesunde ständig im Gehirn die Realität “konstruieren”.

Die meisten denken, das was man sieht wäre mit dem HD Bild einer Kamera zu vergleichen die auf die Netzhaut fällt. Tatsächlich ist das aber nicht der Fall, wie aktuelle Forschungen zeigen. Das Video geht genauer darauf ein und gibt Beispiele an denen man merkt, dass tatsächlich jeder, wie gesagt auch Gesunde, einer ständigen Halluzination unterworfen sind die wir Wirklichkeit nennen. Bei einer an Schizophrenie erkrankten Personen ist dieser Prozess nun so verändert, dass tatsächlich eine eigene zweite Wirklichkeit entsteht.

Daher kommt im Deutschen übrigens auch der Ausdruck “ver-rückt”. Gemeint ist nämlich, dass die Realität des Erkrankten von der wirklichen Realität weggerückt ist.

3.1. Ist sich der Erkrankte bewusst, dass er eine zweite Realität besitzt?

Wenn man mit Betroffenen spricht merkt man, dass dies tatsächlich zu Beginn der Fall sein kann. Es ist oft mit Befremdung oder auch Angst verbunden, Dinge wahrzunehmen die vorher in der Realität nicht vorhanden waren. Trotzdem ist es  für Betroffene meist schwer zu unterscheiden, was Wirklichkeit ist und was nicht. In dieser Phase kommt es bereits zu heftigen Konflikten mit den Angehörigen, Isolierung, Abbruch von sozialen Kontakten, sozialem Rückzug bis hin zu Arbeits- und Wohnungsverlust oder Verwahrlosung!

  • WICHTIG: Die Konflikte und Spannungen sind bei dem ersten Auftreten der Erkrankung in dieser Phase besonders groß, da man als Angehöriger gar nicht auf den Gedanken kommt, dass eine psychische Erkrankung vorliegt!

  • ZUM NACHDENKEN: Was wäre, wenn die Allgemeinheit mit den Symptomen der Erkrankung genauso gut vertraut wäre, wie mit dem Anflug einer Grippe?
    Wenn schon Kinder in den Schulen z.B. im Biologieunterricht mit psychischen Krankheitsbilder vertraut gemacht würden. Wäre jeder von uns eher in der Lage die Krankheit zu erkennen? Könnten der Leidensweg der Erkrankten und Angehörigen dadurch verringert werden?

Je weiter die Erkrankung fortschreitet umso präsenter werden die Wahnvorstellungen des Patienten und er ist dann immer mehr davon überzeugt, dass das, was er wahrnimmt wirklich die Realität ist. Gegenbeweise oder Argumente spielen dann keine Rolle mehr!

Wenn die Psychose völlig präsent ist, wird beispielsweise der Nachbar als Agent des CIA wahrgenommen - das Kind was mit dem Fahrrad vorbei und das Handy dabei hat macht geheime Fotos von dem Patienten und sogar aus dem Fernseher und Radio dringen verschlüsselte Botschaften, die nur der Erkrankte versteht.  Andere können der Wahnvorstellung erliegen, dass sie von Dämonen attackiert werden, ihnen Maria oder Engel erscheinen oder dass sie von Gott “auserwählt” wurden.

Die einzelnen Merkmale dieser Phase können jedoch von Patient zu Patient völlig unterschiedlich sein. Dazu erkläre ich in einem anderen Beitrag noch mehr.