Oder ... Dein Anteil am Legalisieren

Es gibt in der deutschen Sprache Wörter, die sind getränkt mit Bedeutung, Gefühlen und Erinnerungen.  So ist das z.B. mit dem Begriff “Juden”.  Man merkt das immer daran wenn Politiker in einer ihrer Aussagen auch nur annähernd den Begriff Juden in einem “falschen” Zusammenhang verwenden.  Schnell wird solch ein Politiker auf den Titelseiten der Zeitungen in der Luft zerrissen.

Aufgrund des geschichtlichen Zusammenhang ist es auch nur vernünftig mit diesem Begriff  sorgfältig, sorgsam oder auch vorsichtig umzugehen, um niemanden zu verletzen. Natürlich gibt es noch weitere Wörter die im Deutschen eine ähnliche Sensibilität erfordern. Ob es um Begriffe geht wie Holocaust, Konzentrationslager, Mordopfer, Kindesmissbrauch oder Vergewaltigungsopfer, niemand würde diese Wörter im falschen Zusammenhang verwenden.

Unser moralisches Empfinden und Gewissen ist glücklicherweise so justiert, dass wir uns hier ohne offizielle Absprachen auf eine bestimmte Verwendung geeinigt haben. Sobald diese Wörter doch einmal im falschen Zusammenhang verwendet werden, kommt Empörung auf - gerechtfertigterweise!

Womit hat das zu tun?  Ganz eindeutig damit, dass diese Begriffe stark mit Gefühlen von Einzelpersonen oder Gruppen verbunden sind.  Erinnerungen oder Erlebnisse die mit jedem dieser Begriffe in Zusammenhang stehen haben unter Umständen sehr großen Schmerz, sehr großes Leid verursacht.

1. Sensibilität bei dem Begriff “Schizophrenie”?

Was ist aber mit dem Begriff Schizophrenie? Auch hier gibt es eine Gruppe von Betroffenen und zwar eine relativ große, die ebenfalls als Erkrankte oder Angehörige großes Leid, Verzweiflung und Ängste erlitten haben oder erleiden. Viele über Jahre oder Jahrzehnte!  Und ein nicht zu vernachlässigender Anteil dieses Leids wird dadurch verursacht, dass die Allgemeinheit diesen Zusammenhang nicht erfasst!  

Der Wiener Psychiater Heinz Katsching sagte dazu: “Offenbar hat der Begriff ein Eigenleben entwickelt, das der heutigen Realität der Krankheit Schizophrenie in keiner Weise entspricht.”

Schizophrenie wird als Metapher gebraucht. Sie unterstützt Vorstellungen von Gewalttätigkeit, Unberechenbarkeit oder bizarrem und wahnsinnigen Verhalten und Denken. Statt sich dessen bewusst zu sein, dass es eine Gruppe Erkrankter empfindsamer Menschen gibt, wird der Begriff zur Diffamierung verwendet - ob im privaten Gespräch, Geschäftsleben oder zur Abwertung politischer Gegner oder Ideen. Das Handeln eines anderen als schizophren abzutun ist in unser Gesellschaft legalisiert. Kaum einer denkt dabei an die wirklich Betroffenen!

Gerade die Vorurteile und das Unwissen über die Erkrankung unterstützen dabei den Missbrauch des Begriffs “Schizophrenie”.

1.1. Verstärkung der Schizophrenie durch die Allgemeinheit - Doppeltes Leid

Das Alles führt dazu, dass sich das Leid der Erkrankten vergrößert - durch:

  • weiter genährte Vorurteile
  • Diskriminierung
  • Stigmatisierung
  • Das Bild der Allgemeinheit verzerrt außerdem die Selbstwahrnehmung des Kranken und der Angehörigen und untergräbt ihr Selbstbewusstsein.
  • Gesunden fällt der Umgang mit den Erkrankten und der Krankheit an sich dadurch noch schwerer.

1.2. Unterstütze und kläre auf

Was ich hier vorschlagen möchte ist deshalb ein sensibler und vorsichtigerer Umgang mit dem Begriff Schizophrenie. Da es der Medizin bisher nicht gelungen ist eine gute Alternative für den Schizophrenie-Begriff zu finden, kann vielleicht jeder von uns dazu beitragen, diesen Begriff in das rechte Licht zu rücken.

Warum nicht selber darauf achten, den Begriff “schizophren” nicht abwertend zu verwenden?! Mache andere auf die Bedeutung aufmerksam. Kläre sie über die Krankheit auf. Stelle Vorurteile richtig!

Jedes Vergewaltigungsopfer wäre dir bestimmt dankbar, wenn du nur im passenden Kontext von einer Vergewaltigung spricht und den Begriff nicht nebensächlich oder abwertend verwendet.

Jeder Verwandte oder Nachfahre einer jüdischen Familie, die im Konzentrationslager gelitten hat, erwartet zurecht einen gewissenhaften Gebrauch der Sprache.

Das gleiche gilt für Schizophrenie. Mach also mit und hilf dabei, dass künftig ein sensibilisierter Gebrauch unser Sprache und passende Aufklärung dafür sorgt, dass die Leiden und Folgen der Stigmatisierung enden!