"Wenn nichts mehr ist, wie es war ..."

Dieser Titel des Buches von Heinz. Deger-Erlenmaier beschreibt, wie sich viele Familien fühlen, wenn ein Familienmitglied an Schizophrenie erkrankt. Aber warum ist gerade diese Erkrankung für viele eine so große Katastrophe? Oft sind folgende zwei Faktoren der Grund:

  1. Die Stigmatisierung der Kranken
  2. Die Suche nach dem "Schuldigen" in der Familie

Pychische Erkrankungen sind im Vergleich körperlichen Leiden schwerer zu fassen. Dadurch, dass man hin und wieder durch eine Erkältung oder Grippe körperliche Symptome einer Krankheit wahrnimmt sind wir mit dieser Kategorie sozusagen vertrauter. Außerdem kann man körperliche Erkrankungen auch als Außenstehender sehen und dadurch besser beurteilen und mitfühlen. 

Psychische Leiden sind aber schwer greifbar, nicht "sichtbar" und fast immer ferner als eine körperliche Krankheit. 

Interessant ist, dass tatsächlich jeder Hundertste im Laufe seines Lebens an einer Psychose erkrankt! Depressionen sind ähnlich häufig. Ca. 20% der Bevölkerung sind wegen psychischer Störungen in ärztlicher Behandlung!

Das "Besondere" ist aber, dass sehr schwere psychische Störungen in unser Gesellschaft leider noch stigmatisiert sind. Die Angehörigen sind hier nicht nur Zeugen sondern auch Mitbetroffene dieser Erkrankung und fühlen oftmals Rat- und Hilflosigkeit und können zu Beginn nicht fassen, was sich da vor Ihren Augen abspielt.

Außerdem werden Eltern leider immer wieder für die Erkrankung des Kindes verantwortlich gemacht. Falsche Erziehung, Probleme in der Familie usw. wären Schuld.

Aufgrund solcher falschen Schuldzuweisungen, Diffamierung und Stigmatisierung verstecken viele Familien die Krankheit, was die Bewältigung noch weiter erschwert.

1. Schizophrenie bei dem eigenen Kind - Die Rolle der Eltern

Die eigenen Kinder sind für viele Jahrzehnte der Lebensmittelpunkt der Eltern. Kinder geben dem eigenen Leben einen tiefen Sinn und sogar eine Begründung ihres eigenen Daseins. Die Eltern geben gerne ihre Zeit, Kraft, Emotionen und nehmen Einschränkungen auf sich, welche aber durch die Freude des Gebens selten als solche wahrgenommen werden.

Mit den eigenen Kindern werden Wünsche verbunden, Hoffnung, Ziele der Eltern und teils ist die Beziehung zu den Kindern dauerhafter, als die zum Ehepartner. Eltern verstehen daher ohne Zweifel, wie erschütternd es ist, wenn diese glückliche Zukunftsvision zerstört wird. Wenn alles anders wird als erhofft, rücken Angst und Zweifel in den Vordergrund. 

Schizophrenie akzeptieren

2. Phasen die Erkrankung zu akzeptieren

Auch wenn das nun ein wenig technisch klingt, so gibt es bei Eltern vergleichbare Phasen, in denen sie die Schizophrenie ihres Kindes erleben. Vielleicht ist dem einen oder anderen eine Hilfe zu wissen, dass schon viele Eltern und Familien so empfunden haben.

2.1. Verleugung & Suche nach Schuldigen

Zu Beginn ist es völlig normal, die Schizophrenie des eigenen Kindes nicht akzeptieren zu können. Gerade psychische Leiden und besonders die Schizophrenie können viele erst einmal nicht annehmen. Es folgen:

  • Zorn
  • Verzweiflung
  • Kränkung
  • Bemühen die Krankheit zu verstecken
  • Die Suche nach einem Schuldigen
    (auch in "angeblichen" Mangel an Nährstoffen, Fehlernährung, Missbrauch von Drogen etc)
  • Die Suche nach der eigenen Schuld

Tatsächlich wird diese Phase auch oftmals als Verletzung der eigenen Identität empfunden, was verständlich ist wenn man bedenkt, wie sehr die Kinder Teil der Eltern sind!

In dieser Phase ist eine ausgeglichene & konstruktive Auseinandersetzung mit der Diagnose und der Behandlung der Schizophrenie oft nicht möglich. Es kommt eher zu Resignation, Depression oder Verzweiflung. Der Familie wird langsam klar, dass die Ordnung in Ihrer Welt nicht mehr wie erwartet vorhanden ist.

Oftmals erst nach den genannten Punkten kommt die konstruktive Auseinandersetzung mit der Krankheit.

Suche nach Hilfe, Beratung und Selbsthilfegruppen - für die Eltern und anderen Angehörigen ist eine extrem wertvolle Möglichkeit, schon früh mit der Erkrankung umgehen zu lernen und Ängst abzubauen!

2.2. Zusammenhalt in der Familie

Bei körperlichen Krankheiten ist sich die Familie meist einig, was zu tun ist.

Bei psychischen Störungen ist das selten der Fall. Alleine schon deshalb, weil die Schizophrenie oft über eine lange Zeit entwickelt und psychische und soziale Veränderungen stattfinden ist es für die Familie schwer zu erkennen, wann welches Handeln notwendig wird. Gerade in der Anfangsphase ist es für alle Beteiligten schwer die Symptome zu erkennen. Ist die Zeit der Pubertät betroffen, sind Probleme in der Wahrnehmung einer psychischen Störung vorprogrammiert.

Die Mutter plädiert dann z.B. für Verständnis und Toleranz.
Der Vater für Strenge und klare Regeln.
Die Geschwister haben das Gefühl, dass beides keine Lösung ist.

Selbst wenn die Krankheit erkannt ist, sind abweichende Meinungen in der Art der Behandlung an der Tagesordnung. Immer wieder zerbrechen Familien an dieser Situation, so dass ein Elternteil alleine mit dem schizophrenen (dann schon oft erwachsenen) Kind zurückbleibt.

Wichtig ist es also bereits zu Beginn offen & regelmäßig miteinander in der Familie zu sprechen, die Gefühle und Ängste auszutauschen und bereit zu sein dem anderen geduldig zuzuhören!

2.3. Verlust der Normalität

Der Alltag mit einem Schizophreniekranken verändert auch die Beteiligten. Speziell dann, wenn eine akute psychotische Phase vorliegt. Das Hören von Stimmen, die veränderte Wahrnehmung und die zunehmend wahnhafte Gedankenwelt können Angehörige an den Rand der Verzweiflung bringen.

  • Auf der einen Seite verstehen die Angehörigen nicht, was im dem kranken Familienmitglied vor sich geht.
  • Auf der anderen Seite fühlt sich der Kranke nicht mehr verstanden da "nicht einmal meine Eltern mir noch glauben".

Wenn die akute Psychose überstanden ist, bleibt bei vielen trotzdem die Angst und Sorge vor einer erneuten Phase zurück und prägt den Alltag. Einfach Schlafstörungen, Erschöpfung oder Stress wird dann zu schnell als Zeichen für einen Rückfall gewertet.

2.4. Ungewissheit wie es weiter geht

Vorab: Schizophrenie ist heute sehr gute behandelbar!

Trotzdem ist zu Beginn der Psychose nicht klar:

  • ... wie leicht oder schwer der Verlauf sein wird
  • ... und ob es sich um eine einzelne Episode handelt, die nie wiederkehrt oder um einen chronischen wiederkehrenden Verlauf.

Und genau diese Unsicherheit ist für viele eine große Belastung.

Aufgrund der Verschiedenheit der Phasen der Erkrankung kommt hinzu, dass sich Eltern bzw. Angehörige teilweise zurückhalten und nicht einmischen sollten, dann aber wieder in einer akuten Phase entschlossenes und schnelles Handeln wichtig ist.

"Einige lernen es, mit den Kranken nicht über Wahn und seine Halluzinationen zu diskutieren. Andere lernen es nie. Einige lernen es, den antriebsverminderten, sozial zurückgezogenen Behinderten zu aktivieren, ohne ihn zu quälen. Wieder andere drängen den Kranken durch unablässige Antreiberei aus der Familie. Andere verkraften da Gefühl nicht für ihre Bemühungen Undank zu ernten oder die Dinge nur noch schlimmer zu machen, und ziehen sich selbst in die Passivität zurück" (Wing 1980) 

Die Unsicherheit in Bezug auf die Erkrankung ist also Bestandteil des Lebens. Rückschläge wechseln sich ab mit neuem Antrieb, gesetzten Zielen und zurückerobrter Selbstständigkeit - lange Phasen der Stabilität können Jahre oder Jahrzehnte anhalten. 

Jedes Elternteil, jeder Angehörige und jeder an Schizophrenie erkrankte verdient für den Umgang mit diesem Wechselbad der Hoffnung und Verzweiflung größte Anerkennung, Zuspruch und Verständnis!

Der Lebenslauf der Eltern von Schizophreniekranken Kindern entspricht meist nicht dem Bild, was in der Gesellschaft als Norm gilt. Der Abnabelungsprozess des kranken Kindes ist schwerer, verzögert und manchmal nie möglich. Einige Kinder bleiben auch im Erwachsenenalter Mittelpunkt des Lebens der Eltern.

2.5. Einsicht Aussenstehender 

Je mehr also die Einsicht zunimmt, dass die schizophrene Erkrankung die ganze Familie betrifft, um so besser kann künftig Hilfe geleistet werden. Sei es von staatlicher Seite durch bessere Unterstützung oder durch das, was jeder von uns leisten kann - mehr Verständnis, Geduld, gutes Zuhören, Ermunterung und Lob für das was die ganze Familie Betroffener leistet!