Warum ich? Warum meine Famile? Warum mein Kind? Was haben wir falsch gemacht? Auch wenn du dir diese Fragen stellst - Fakt ist, an der Erkrankung ist niemand Schuld!

Wichtig ist vielmehr die Frage, was man nun tun kann um zu helfen und den Erfolg der Behandlung zu unterstützen! Egal, ob du selber Betroffen bist, oder als Angehöriger. In der Psychologie ist bekannt, dass es enormen Stress und Angst verursachen kann, wenn das Gefühl vorherrscht die Kontrolle über eine Situation verloren zu haben. Je weitreichender die Situation, um so größer die Ängste. 

Wichtig ist es also, dass du Strategien entwickelst und Möglichkeiten nutzt, um das Gefühl der Kontrolle wieder zu erlangen! 

Also untersuchen wir deshalb noch einmal genauer die Frage, die du dir vielleicht aktuell stellst:

1. Was habe ich bzw. haben wir falsch gemacht?

Da die Schizophrenie das Wesen und die Persönlichkeit des Betroffenen so stark berührt, gehört sie zu der Kategorie Krankheiten, für die viele unbedingt eine Erklärung haben müssen. Irgendwie vermutet man, dass es irgendetwas im Umfeld oder der Lebensführung geben muss, das für die Schizophrenie verantwortlich ist. Häufig müssen die Eltern dann als Sündenbock herhalten - was sie ihr Umfeld mal mehr mal weniger spüren lässt oder dies zumindest hinterfragt.

Eltern machen in der Erziehung ihrer Kinder Fehler. Das ist eine Tatsache.

Vielleicht haben sie ihre Kinder zu Entscheidungen in Bezug auf Schule oder Ausbildung gedrängt. Das familiäre Umfeld war vielleicht aufgrund eigener Sorgen wenig harmonisch. Es gab Streit zwischen den Eltern. Vielleicht eine Scheidung. Phasen der Überfürsorglichkeit oder entgegengesetzt der Vernachlässigung.

Tatsache ist aber, dass keiner dieser einzelnen Faktoren ein Auslöser für Schizophrenie! Das ist mittlerweile von der Wissenschaft bestätigt (siehe z.B. "Freispruch der Familie" von Dörner).

2. Ursachen unbekannt?

Nach Stand der Wissenschaft gibt es also keine Belege dafür, dass familiäre Probleme die Schizophrenie auslösen. Statt dessen gehen die Forscher davon aus, dass die Erkrankung erst durch ein Bündel an Einflüssen ausgelöst wird. Man spricht auch von multifaktorellen Bedingungen. Dazu gehören:

  • Genetische Faktoren - also Vererbung
  • Somatische, also körperlich bedingte Faktoren, z.B. Veränderungen im Gehirn, oder dem Nervenstoffwechsel
  • psychosoziale Faktoren (also Einflüsse der Umgebung, Familie, Arbeit, Freundeskreis etc)

Die psychosozialen Faktoren wurden in den 50er und 60er Jahren des letzten Jahrhunderts leider zu stark gewichtet. Heute ist bekannt, dass diese als Ursache weniger bedeutend sind. Für den Verlauf der Erkrankung spielen sie aber eine wichtige Rolle, da die Frage ist, wie Familie und Umfeld dem Erkrankten Verständnis und Hilfe entgegenbringen könne.

2.1. Warum gibt es denn so viele Theorien zur Entstehung der Psychosen?

Die meisten Theorien, die in den Köpfen der Bevölkerung kursieren beruhen leider darauf, dass die Masse schlecht informiert ist. Kulturelle und religiöse Vorurteile kommen in einigen Kulturen dazu. Besessenheit, magische Kräfte gehören zu den älteste Glaubenssätzen, die als Grundlage der Schizophrenie herhalten. Moderner aber ebenso falsch ist die Annahme, dass eine Fehlernährung oder wie erwähnt die Familie Schuld sein. Alle diese früheren Theorien sind mittlerweile überholt. 

Trotzdem muss man zugeben, dass die Wissenschaft erst in den letzten Jahren größere Fortschritte im Verständnis und der Erforschung von Erkrankungen aus dem sogenannten "schizophrenen Formenkreis" gemacht hat.  

In dem Beitrag über "Vorurteile und Tatsachen" findet sich z.B. das Video von Dr. Fletcher. Er verbindet aktuelle Forschungen darüber, wie unser Gehirn die Realität "schöpferisch" erzeugt mit den Symptomen der Schizophrenie. 

2.2. Hat jemand der an Schizophrenie erkrankt einfach zu wenig Willensstärke?

Nein! Hier gibt es definitiv keinen Zusammenhang.

Ob sehr selbstbewusst oder extrem unsicher. Jeder kann betroffen sein. Schizophrenie ist also kein Zeichen von Charakterschwäche! 

Genauso wie ein extrem hoher Blutdruck nicht durch Willenskraft kontrolliert und normalisiert werden kann, so ist es auch bei einer Psychose. In beiden Fällen ist es absolut sinnvoll schnell professionelle Behandlung zu suchen und auch damit verbundene Medikamente zu akzeptieren. 

2.3. Ist "Erhöhte Verletzlichkeit" doch ein Hinweis auf Schuld anderer?

Vielleicht hast du davon gehört, dass bei der Erkrankung an Schizophrenie als Ursache teilweise eine erhöhte Verletzlichkeit bzw. Vulnerabilität erwähnt wird. Was ist damit gemeint?

Man geht heute davon aus, dass Personen die an Schizophrenie erkranken schon vorab verletzlicher sich - sowohl für Einflüsse von außen, als auch für eigne innere Konflikte. Sowohl die biologischen, als auch psychologische und soziale Faktoren sind hier mit im Spiel. Die erhöhte Verletzlichkeit wird von der Fachwelt als Grundbedingung für die Entstehung einer schizophrenen Psychose gesehen. Dennoch - es gibt keinen Einzelfaktor, der alleine verantwortlich wäre.

Ist damit nicht doch der Punkt erreicht, an dem das Familienklima für den Ausbruch der Erkrankung verantwortlich sein kann?

Tatsächlich ist das nicht der Fall, da folgende zwei Punkte dagegen sprechen:

  1. Schizophrenie ist weltweit in allen Kulturen in etwa gleich häufig
  2. auch in den vergangenen Jahrhunderten (so weit nachweisbar) war das der Fall

Obwohl also je nach Kultur oder auch Jahrzehnt oder Jahrhundert extrem unterschiedliche Familiensituationen da waren, bleibt die Häufigkeit der Schizophrenie-Erkrankungen doch gleich. Wäre die Familie ein ausschlaggebender Faktor, müssten hier große Unterschiede zu finden sein. Das ist aber nicht der Fall!

Natürlich sind in Familien mit schizophren Erkrankten oft größere Spannungen und Probleme vorhanden - aber das ist logischerweise eine Folge, wenn alle Familienmitglieder mit der Situation umgehen lernen müssen. Auch wenn sie ihr Bestes geben kommt es natürlicherweise zu Spannungen. Übrigens ist das auch im Vorfeld des Ausbruchs einer Psychose oft schon der Fall. Woran liegt das?

  1. In Familien mit schizophrenen Kindern ist gehäuft zu beobachten, dass auch andere Angehörige z.B. ein Elternteil erkrankt ist. Daher ist schon vorab eine zusätzliche Belastung der Familie gegeben.
  2. Außerdem ist vor dem Ausbruch einer Psychose oft eine lange Phase mit Veränderungen des Verhaltens vorhanden. Die Krankheit beginnt sozusagen, aber die Symptome werden nicht als solche erkannt. Wenn dein Kind z.B. verletzlicher oder aggressiver geworden ist oder sich sehr zurückzieht, denkst du normalerweise nicht daran, dass eine Krankheit dahinter stehen kann.   

Übrigens, zum Modell der Verletzlichkeit als Ursache gibt es noch einiges zu sagen, aber dazu in einem anderen Beitrag.

2.4. Zusammenfassung:

  1. An der Entstehung der Schizophrenie ist niemand Schuld.
  2. Die Suche nach einem Schuldigen oder einem einzelnen Grund solltest du also hinter dir lassen.
  3. Besonders deshalb, weil die Suche oder das Zuweisen von Schuld nur ein weiters Hindernis ist, um die neue Herausforderung gemeinsam zu bewältigen.