Krankheitsphasen der Schizophrenie

Um den Krankheitsverlauf besser zu verstehen ist es sinnvoll , diesen in einzelne Abschnitte zu unterteilen, welche man einzeln genauer untersuchen kann.

In diesem Beitrag hier erfährst du mehr über genau diese Abschnitte der Schizophrenie

  1. Die Vorphase - vor Ausbruch der eigentlichen Erkrankung. Diese Phase nennt man auch Prodromalstadium.
  2. Die aktive Phase - hier werden die Krankheitssymptome erkennbar.
  3. Die Phase der Konsolidierung - oder falls diese ausbleibt...
  4. Die Phase oder der Übergang in die Chronizität.

Was macht diese Phasen der Schizophrenie genau aus? Dazu jetzt mehr in den nächsten vier Hauptthemen.

1. Die Vorphase (Prodromalstadium) der Schizophrenie

Diese Phase kann Monate bis Jahre dauern.

Das Erleben des Betroffenen kann in dieser Phase sehr intensiv und spannungsreich sein. Kennzeichen sind z.B:

  • Gedankendrängen
  • Überwachheit
  • emotionale Empfindsamkeit
  • Verletzlichkeit
  • Druck und Anspannung

1.1. Was ist mit "Druck und Anspannung" gemeint?

Asmus Finzen nennt in seinem Buch "Schizophrenie - die Krankheit verstehen, behandeln, bewältigen" folgendes Beispiel:

"Rainer N. berichtet, er habe einige Jahre vor der Erkrankung vor dem Abitur die Schule verlassen und eine Ausbildung zum Finanzbeamten begonnen. Eigentlich habe er das Abitur machen wollen. Er habe jedoch unter dem Eindruck gestanden, die Eltern machten im zum Vorwurf, ihnen so lange auf der Tasche zu liegen. Heute bezweifle er, dass dies wirklich so gewesen sein, denn der Vater habe nie etwas Entsprechendes zu ihm gesagt. Aber damals habe er sich unter Druck gefühlt."

Hier empfand der Junge also einen unbestimmten Druck und interpretierte diesen als Vorwurf vonseiten der Eltern. Nach der Ausbildung wurden die Symptome dann deutlich, als der Erkrankte zum Militär eingezogen. Es kam zu wahnhaften Vorstellungen, Zwangsgedanken und schließlich zu einer voll ausgeprägten Psychose.

Der anfängliche Druck war also sehr unspezifisch und ist eher im Nachhinein als Teil der Erkrankung zu erkennen. An Schizophrenie Erkrankte können diesen Druck meist auch gar nicht richtig in passende Worte fassen.

  • Sie sprechen von Druck, Spannung, Schuld, Angst und manchmal auch positiv von freudigem Gehobensein.
  • Das Wahrnehmen von Misstrauen oder Feindschaft kann vorkommen.
  • Bei anderen ist Mut-, Hoffnungs- oder Willenlosigkeit Teil dieser Phase, welche von Depressionen noch nicht zu unterscheiden ist. 

Obwohl in dieser Phase die Erkrankung kaum als solche erkannt wird beginnt aber bereis das Leid des Betroffenen. Sie fühlen sich eingeengt, beobachtet, getrennt von anderen und in ihrer bisherigen Freiheit eingeschränkt.

2. Ausbruch bzw. "Offenbarung" der Psychose

Irgendwann kommt der Zeitpunkt, an dem es für den Gesunden offensichtlich wird, dass eine Erkrankung vorliegt.

Der Erkrankte lebt jetzt so sehr in seiner eigenen Realität, dass dies nicht mehr zu leugnen ist. Seine Wahrnehmung der Welt unterscheidet sich grundlegend und zunehmend immer deutlicher.

Die Zeichen der Psychose sind jetzt unübersehbar und breiten sich rasch aus. Dazu gehören:

  • Ausbreitung und Lautwerden der eigenen Gedanken
  • Wahnwahrnehmung: Die Kranken spüren z.B. die Wirkung von Gift, elektrischem Strom, sexueller Belästigung, sie fühlen sich gelenkt 
  • Erlebnisse der Omnipräsenz: z.B. das Gefühl fliegen zu können, Naturkräfte zu beeinflussen

Das Empfinden im Mittelpunkt der Realität zu stehen tritt in den Vordergrund: "Alles dreht sich um mich / bezieht sich auf mich". Der Kranke erlebt Situationen und Objekte so, als ob sie direkt mit ihm selber zu tun haben. Teilweise ist eine Erklärung dafür vorhanden, in anderen Fällen wieder nicht.

Klaus Conrad schreibt in seinem Werk "Die Beginnende Schizophrenie":

Draußen auf der Straße hören wir einen Ruf. Wir glauben er gelte uns. Ein Blick aus dem Fenster belehrt uns, wir sind gar nicht gemeint, sondern ein anderer. Dieses: Ich bin gar nicht gemeint, heißt: Ich trete in diesem Augenblick gewissermaßen aus mir heraus, setze einen anderen an die eben von mir eingenommene Stelle, finde mich in einer Welt "mit den anderen", besser: aus meiner nur mir eigenen Welt übergetreten in die Welt der anderen, um überhaupt dieses Erlebnis haben zu können: Das gilt nicht mir!
Wir vollziehen diesen Wechsel des Bezugssystems (durch den jene akustische Gegebenheit - der Ruf - in einem anderen Bedeutungszusammenhang rückt und sich dadurch verwandelt) ohne die geringste Mühe tausend mal am Tag. 
Ganz anders ein Kranker, dessen Bettnachbar schläft: Das Schnarchen "gilt" ihm! Nun aber zeigt sich, dass er auf einmal jenen Übersteig nicht vollziehen kann, der notwendig ist, um sich des Irrtums belehren zu lassen... Nur nur das Schnarchen, alles andere "gilt" ihm auf einmal ebenso... 

Die genannten Punkte und Beschreibung bezeichnet man dann als "paranoide Psychose" oder Schizophrenie.

Wenn die Symptome schlimmer werden kann es sogar dazu kommen, dass die gesamte Persönlichkeit "zerfällt". Oft beginnt dies bei der Sprache. Die Sätze werden unzusammenhängend, ergeben keinen Sinn oder werden völlig unverständlich. Manche Erkrankte hören völlig auf zu sprechen.

Bei anderen schwanken die Gefühle in Extreme. Von einem völligen Gefühlsrausch, in dem nicht nachvollziehbare Handlungen durchgeführt werden bis hin zu einer völligen motorischen Starre als anderes Extrem ist eine große Bandbreite an Verhalten möglich.

Da es zu solchen extremen Symptomen kommen kann, ist es verständlich, dass Conrad hier von der "apokalyptischen" Phase der Psychose spricht.

3. Konsolidierung: Abklingen / Heilung der Symptome  

Der Begriff Konsolidierung (lat. Verfestigung, Festwerden) hat in der Medizin mehrere Bedeutungen. Allgemein versteht man darunter die Heilung von Verletzungen aber auch von Erkrankungen. Auch das Nichtfortschreiten von Erkrankungen wird mit dem Begriff Konsolidierung bezeichnet.

Irgendwann kommt es mit Hilfe unterschiedlicher Behandlungsmethoden dazu, dass der Zustand des Psychosekranken sich verbessert.

  • Der Schub klingt ab, damit auch die bestehende Angst und Erregung.
  • Katatonie wird seltener und verschwindet.
  • Halluzinationen nehmen ab. Die gehörten Stimmen werden leiser.
  • Durch den Wahn erlebte Symbolik und Bedeutung geht wieder in die normale Wahrnehmung der Realität über.

3.1. Wie lange dauert es, bis die Psychose verschwindet?

Der Übergang zwischen den Phasen braucht Zeit. Die Symptome verschwinden nicht schlagartig sondern langsam. Manchmal ist es z.B. so, dass die Stimmen von dem Schizophrenen immer noch zu hören sind, ihn aber nicht mehr belasten, vielleicht sogar interessant werden und der Patient sie sogar vermisst wenn sie völlig verschwinden. Das Gefühl der Einsamkeit kann dann deutlicher sein, als mit den Stimmen!

Mit Hilfe medikamentöser Behandlung  liegt der durchschnittliche stationäre Aufenthalt in der Klinik heutzutage bei ca. 3 Monaten. Da die Erkrankung & auch Behandlung aber bei jedem unterschiedlich ist kann hier zu dem Einzelfall natürlich keine definitive Aussage gemacht werden. Hier ist das Fachwissen der Mediziner gefragt, die beurteilen können, ob ein Patient entlassen werden kann.

Kopernikanische Wende: Gemeint ist das Ende der Auffassung, dass die Erde (im Fall der Schizophrenie: der Erkrankte) den Weltmittelpunkt bildet. Der Betroffene ist wieder ein "kleiner Teil" der Realität. Dieser Wechsel ist dem Betroffenen nicht immer willkommen und teilweise ist Widerstand dagegen zu beobachten.

Conrad schreibt dazu:

Der Übergang aus der Psychose in die alltägliche, die "gesunde" Welt ist schmerzlich, weil sich der Kranke nun wieder mit der unfreundlichen schier unerträglichen Wirklichkeit seines alltäglichen Lebens konfrontieren muss.

Rückwirkend wird die Psychose manchmal sogar verklärt und Personen, die das volle Ausmaß der Psychose nicht miterlebt hatten, geben hier teilweise sogar den falschen Rat "die Behandlung doch zu beenden / den Kranken nicht unnötig weiter mit der Therapie und den Nebenwirkungen zu quälen".

3.2. Bei wie vielen Erkrankten verschwindet die Schizophrenie völlig?

  • Aktuelle Zahlen zeigen, dass bei gut einem Drittel der Betroffenen die Psychose völlig verschwindet und sie damit geheilt sind.
  • Bei zwei Dritteln kommt es zu Rückfällen. Das kann nach Monaten, Jahren oder auch nach Jahrzehnten der Fall sein.
    Hier kann es dann wiederum der Fall sein, dass die Symptome wie bei der ersten Psychose völlig verschwinden. Oder es kommt zu einer Phase mit Restsymptomen / einer chronische-rezidivierenden Erkrankung.

Übrigens sind in die genannte Aufteilung nicht die Patienten einbezogen, die gar nicht erst in einer Klinik stationär aufgenommen werden mussten. Damit fallen die Zahlen also höchstwahrscheinlich noch positiver aus, als von den Langzeitstudien aktuell aufgezeigt wird!

4. Unter Umständen: Chronische Erkrankung & Restsymptome

Den Begriff chronisch-rezidivierend verwendet man zur Charakterisierung von Erkrankungen, die langandauernd (chronisch) sind, zwischendurch eine Besserung zeigen, aber phasenweise wiederkehren (rezidivieren).

Es kommt also vor, dass ein Rest (Residualzustand) der Psychose zurückbleibt. Wenn Symptome zurückbleiben, sind das oft sogenannte Negativsymptome:

  • Verminderung des Antriebs
  • Beeinträchtigung des Willens, der Konzentration
  • Angstzustände

Seltener bleiben auch sogenannte Positivsymptome zurück:

  • visuelle Halluzinationen, Stimmen hören

Daniel Hell und Margret Gestefeld fassen Nachuntersuchungen von schizophrenen Patienten wie folgt zusammen:

Eine Nachuntersuchung von M. Bleuler ( 1972) an 208 schizophrenen Patienten über 22 Jahre hinweg ergab, dass die häufigste Verlaufsform einer schizophrenen Psychose (40% aller Schizophrnien) durch eine oder mehrere akute Phasen gekennzeichnet ist, die wieder abheilen.
Fast ebenso häufig (nahezu 40% aller Fälle) treten wellenförmig verlaufende mittelschwere oder leicht chronische Psychosen auf. Weitaus seltener (8% aller Fälle) kommt der unmittelbar zu schwerster chronischer Psychose führende Verlauf vor. Alle anderen Verlaufsformen sind verhältnismäßig selten; sie treten nur bei 11% aller Kranken auf. (Quelle: Schizophrenien. Orientierungshilfe für Betroffene, 1988, S.69-78)

4.1. Kann man den Verlauf der Schizophrenie absehen?

Schon seit Beginn der Behandlung von Schizophreniekranken hat die Wissenschaft versucht den Verlauf der Erkrankung vorhersagen zu können. Auf wenn auf diesem Gebiet weiter geforscht wird, ist es bis heute leider noch nicht gelungen, Anzeichen zu identifizieren, die eine Voraussage möglich machen.

Trotzdem scheint folgendes zu gelten, was Hell & Gerstfeld ebenfalls schreiben:

Ein guter bisheriger Verlauf macht auch einen weiterhin guten Verlauf wahrscheinlich. Bei chronischen Verlläufen ist auch nach Jahren und Jahrzehnten eine Besserung möglich, und Besserungstendenzen sind nicht auszuschließen!

Einen milderen Krankheitsverlauf machen die Autoren an fest daran, wenn:

  • der Krankheitsbeginn akut war
  • wenn er in Zusammenhang mit einer belastenden Situation auftrat
  • wenn Stimmungsschwankungen vorlagen
  • wenn die frühere Persönlichkeit harmonisch und kontaktfähig war
  • wenn der Kranke soziale Kontakte pflege (menschliche Nähe / Wärme erlebte)

Wichtig sind auch:

  • medikamentöse Therapie (eventuell über lange Zeiträume)
  • aktive Therapiekonzepte bei denen sich Patienten selber einbringen können
  • zunehmendes Verständnis und Unterstützung Angehöriger & anderer für ihre Situation